Overlanddriver

Reise 1 Teil 8: Runtergekommen in Chile; Carretera Austral; der hängende Gletscher im Parque Nacional Quellat; Fasching; Bimobil-Treffen

Nachdem wir noch einmal auf einem wunderbaren Campingplatz an der Argentinischen/Chilenischen Grenze übernachtet und dort tatsächlich Hannoveraner und einen Camper mit eingebauter Waschmaschine, Trockner u. Geschirrspülmaschine getroffen haben, sind wir am Montag den 12.02.2018 frohen Mutes zu dem absolut kleinem Grenzübergang bei Futaleufu gefahren. Nach unseren Informationen sollte uns dort eine schnelle und völlig unproblematische Grenzabfertigung erwarten. Wir fahren über eine absolut miese Schotterpiste zur Grenze und …  stehen im Stau. Wir haben die Rechnung ohne den lieben Fasching gemacht. Hier ist zwar niemand verkleidet, aber offenbar will a) am Fasching niemand so richtig arbeiten und b) haben die Argentinier alle den Wunsch, Fasching in Chile zu feiern. Unser Zeitplan kommt mal wieder ganz durcheinander. In der Reihe stehend treffen wir überraschend Argentinier die Deutsch sprechen oder verstehen und uns bei den endlos erscheinenden Formalitäten helfen. Da Chile unbedingt die Ausbreitung der Maul-und Klauenseuche vermeiden will, darf man fast keine Lebensmittel mitnehmen. Frische Produkte wie Obst und Gemüse sowieso nicht, aber auch getrocknete Tomaten, Fleisch, Milch, Käse etc. wird uns freundlich, aber bestimmt abgenommen. An dieser Stelle trotzdem noch kurz ein Dankeschön an unseren Grenzer, der wirklich sehr nett war und nicht mit allen Augen in unseren Kühlschrank bzw. in alle Schränke hinein gesehen hat.
Letztendlich sind wir nach gut 2 Stunden Grenzaufenthalt in CHILE !! Juchhuu. Die Strasse ist geteert, der erste kleine Ort malerisch. Wir trinken spontan einen Cappuccino für 4,—Euro pro Stück und wundern uns. Aber nicht lange, dann zeigt sich, dass auch hier die Strassen nicht überall geteert sind. Zudem müssen wir feststellen, dass Mutter Natur in Form eines Murenabganges etwas dagegen hat, dass wir in Chile Richtung Norden nach Chaiten weiterfahren. Hier ist absolut kein Durchkommen und wir können uns das geplante Treffen mit den Blauwalen wohl abschminken.
Was soll’s. Also fahren wir bereits jetzt auf der berühmt-berüchtigten Carretera Austral Richtung Süden, dem angeblich absolut wildesten und unberührtetesten Teil von Chile. Die auf uns zukommenden Landschaften sollen zu den faszinierendsen der Erde gehören; wir sind erwartungsvoll. Die Carretera Austral ist das Gegenstück zur argentinischen Routa 40. Die Dörfer entlang der Carretera Austral waren bis vor deren Ausbau isoliert in einer Landschaft von Wäldern, Flüssen und Seen, Bergen und Gletschern. Seit den 70-Jahren und besonders in den letzten Jahren hat sich die Strasse immer weiter in die Wildnis Kilometer um Kilometer in den Süden gefressen. Heute sind bereits viele Abschnitte geteert. Auf dieser Lebensader begegnen einem heute nicht nur unzählige leidende Fahrradfahrer und Horden von Trampern, sondern auch gerne einmal Einheimische, die gemeinsam mit Ihrem Hund, ihre Kühe auf der Strasse entlang treiben. Das haben Sie schon immer so gemacht und nur weil die Autos jetzt mit gerne mind. 70 km/h vorbeifliegen, wird die alte Gewohnheit gepflegt.
Abends soll es mal wieder einen romantischen Platz am Wasser, möglichst wild und kostenlos geben. Also fahren wir 20 km auf einer Schotterpiste in ein Seitental und werden mit tollen Ausblicken auf die umliegenden Berge (zum Teil bereits schneebedeckt) plus Seen und kristallklaren Bächen belohnt. Doch dann geht es nicht weiter. Über den Fluss spannt sich eine Hängebrücke, die wir gewichtstechnisch (max. 5 to) wohl passieren könnten, aber wir passen in der Breite wohl kaum nicht drauf. Ungläubig schauen wir uns noch einmal die Verkehrsschilder und unsere Karte an, aber es hilft alles nichts. Wir campen einfach direkt am Fluss und dem Fuße der Brücke und erfreuen uns an deren Anblick. Letztendlich ein toller Platz.
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Unsere Weiterreise gen Süden soll uns zu dem hängenden Gletscher in der Nähe von Puyuhuapi führen und wir hoffen, im Nationalpark „Parque Nacional Quellat“ nicht nur tolle Wanderungen machen, sondern auch dort kampieren zu können. Doch wie immer, haben wir nicht die Imponderabilien der Carretera Austral eingeplant. Bereits nach gut einer Stunde Fahrzeit stehen wir in einer Schlange. Warum?? Strassenbauarbeiten ! Die Strasse ist total gesperrt und alternativ gibt es eine Fährverbindung. Es fahren 2 Fähren, auf die jeweils ca. 10 Autos passen. Sprich, wir müssen „nur“ noch ca. 5-6 Fähren warten, dann sind wir dran. Gegen 15 Uhr – genau 10 Minuten nachdem ich mir schließlich einen Stuhl mit Buch in die Sonne gestellt hatte, um die vielleicht letzten Strahlen zu geniessen – wird plötzlich die Strasse doch für den Verkehr freigegeben. Auf wirklich abenteuerlichen Wegen werden wir direkt zwischen den Baufahrzeugen hindurch gelotst.
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Also auf in den Nationalpark. Es ist 15 Uhr, also noch ausreichend Zeit für eine kleine Wanderung und häusliches Einrichten. ABER – wir sind nicht alleine. Es ist wie am Timesquare. Mit uns wollen ca. 20 andere Fahrzeuge in den kleinen Park auf der winzigen Schotterpiste und wir alle erfahren nur, dass der Campingplatz bereits überfüllt und geschlossen ist.
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Also laufen wir nur noch kurz zu ein paar Aussichtspunkten, um zumindest einen kleinen Blick auf dieses Naturereignis zu werfen und suchen uns dann gegen 18 Uhr einen kleinen Campingplatz in der Nähe: Geht doch – hier erwischen wir noch einen tollen Platz mit Blick auf den See. Alle Probleme des Tages sind vergessen und wir machen es uns in der bereits untergehenden Sonne am Strand gemütlich. Doch was ist das ? Ein lautes Ungestüm kommt die steile Zuwegung hinunter und aus dem Bus springen 21 Leute. Der Bus hält freundlicher Weise ca. 50 cm vor unserem Auto, damit den Damen und Herren das Ausladen ihrer diversen Utensilien erleichtert wird. Fassungslos stehen wir vor unserem Auto und können es nicht glauben. Wildnis in Chile ?? Hier gibt es nur wilde Touristen. Wir beschließen, ab sofort gibt es für uns möglichst „wilde Campingplätze“.
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Unser erster Eindruck von Chile ist trotz all dieser kleinen Probleme wirklich unglaublich schön. So farbenfroh und leuchtend. Doch wir können es kaum glauben. Unser Höhenmeter zeigt an, dass wir uns in einer Höhe um 50-100 Meter befinden und dennoch sehen wir auf den nahen Bergen überall Schneefelder. Diese haben wir nicht in Mendoza auf einer Höhe von fast 3.000 Meter und auch nicht in El Tromen auf ca. 2.000 m Höhe gesehen. Diesem Phänomen müssen wir unbedingt noch auf den Grund gehen, doch Internet ist hier noch weniger vorhanden als in Argentinien.
Sprich, wir sind in der Höhe runtergekommen. Aber nicht nur in der Höhe. Wir sind zwischenzeitlich viel entspannter. Die Suche nach dem abendlichen Schlafplatz beginnt immer später am Tag, denn wir wissen – irgendwo werden wir schon ein Plätzchen finden. Runtergekommen sind wir auch mit dem Finger auf der Landkarte. Tatsächlich haben wir bereits das letzte Drittel unserer Chile-Landkarte erreicht. Runtergekommen sind wir leider auch in Bezug auf unsere Voräte an Süßem. Wir leiden ein wenig unter „Haribo“- und Schoko-Entzug. Obwohl wir 3 Pakete Haribo und 6 Tafeln Schokolade ins Land „geschmuggelt“ haben, müssen wir dringend im nächsten Supermarkt etwas für den kleinen Heißhunger einkaufen.
Dies führt mich unweigerlich zu einem ganz anderen tollem Thema:  Fleisch einkaufen in einem typischen, kleinen chilenischen Supermarkt. Man steht vor einer Gefriertruhe, in der auf der einen Seite in Plastik gehülltes, diverse Rindfleisch liegt und auf der anderen Seite Hähnchenschenkel völlig umeingepackt liegen. Salmonellengefahr gibt es offensichtlich hier nicht. Jeder sucht sich natürlich mit bloßen Händen den Schenkel aus, der ihm am Besten gefällt. Keiner weiß, welcher Schenkel bereits wie lange dort gelegen hat, geschweige denn woher er kommt. Aber bislang ist uns alles super bekommen und hat auch geschmeckt. Also, so what…
Am nächsten Morgen ist es Grau in Grau bei 10 Grad. Hannover-Wetter. Wir haben mal wieder einen befestigten Teil der Carretera  Austral verlassen und können heute nicht glauben, dass diese Schlaglochwüste auch Traumstraße genannt wird. Mit max. 30 km/h kriechen wir Richtung Süden, als wir auf der anderen Seite auch ein Wohnmobil bemerken, welches unserem Hektor irgendwie ähnlich sieht. Als wir beide auf gleicher Höhe sind halten beide Fahrzeuge an, und tatsächlich handelt es sich um bei unserem Gegenüber auch um ein Bimobil. Es wird nicht lange gezögert und schon sitzen wir zuerst in unserem zugegebener Massen nicht ganz so grossen und dann bei Christin und Thomas deutlich größerem Bimobil bei Tee und guter Laune zusammen. Es ist, als wenn man alte Freunde trifft und wir haben uns ja soviel zu erzählen. Wir als Beginner erhalten von den beiden „alten Hasen“ tolle Tips, die sogleich auf der Karte notiert werden. Wir hoffen sehr, dass wir die Beiden noch häufiger sehen werden – aller spätestens bei uns in Hannover – die Einladung steht und wir wünschen ihnen noch eine tolle Zeit hier in Südamerika.
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Als wir uns am späten Nachmittag trennen, meint Thomas noch locker – naja, die nächsten 12 km sind durchaus anspruchsvoll. Ihr müßt den steilen Pass hinauf (ungeteert und bei Regen) mit engen Kehren, die zudem mit Querrillen und Steinen gespickt sind. Noch wissen wir zu diesem Zeitpunkt nicht was uns erwartet: Wir haben es natürlich überlebt und es war eine sehr sehr schöne Tour durch eine grandiose Landschaft, dem nass-kalten Regenwald, welcher gerade unter diesen Umständen sein wahres Gesicht zeigt. So üppig grün, tropfnass, immer wieder unterbrochen durch die farbenfrohen Blumen am Wegesrand, gekrönt mit schneebedeckten Bergen, reissenden Wasserfällen, schäumende Flüssen. Irgendwie mystisch. Riesige Bäume von Moos überzogen, tropfend im Wind. Alles in allem – Wildnis, da ist sie – genau so haben wir es gewollt. Doch meine Nerven ! Ich war so froh, als wir es endlich geschafft hatten und glaubt mir, es gehört schon was dazu, wenn man vor den Kehren steht und zunächst diskutiert, wie man diese am Besten anfährt, sodass das Auto voraussichtlich nicht umkippen wird. Achja, Gegenverkehr gibt es natürlich auch. Das war ein erstes Teilstück der Carretera Austral, den wir bestimmt nicht vergessen werden.
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“ Do not stop to explore your limits“

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