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Reise 3 Teil 27: Recife, Olinda, Fernando de Noronha und der Amazonas – wir sind wieder unterwegs

Jippiiiee, wir sind wieder unterwegs. Nach fast genau 8 Monaten in Deutschland wird es Zeit, dass wir unsere Taschen packen und erneut Richtung Südamerika aufbrechen.

Diesmal wollen wir noch etwas Zeit alleine verbringen, bevor es mit Hektor gemeinsam weitergeht.

Wir fliegen in den Norden von Brasilien, genauer gesagt nach Recife, um von dort 2 Tage später auf die ca. 550 km im Atlantik entfernt gelegene frühere Gefängnis-Insel Fernando de Noronha zu hüpfen. Recife und der nah gelegene Ort Olinda überraschen uns sehr. Wir hätten nicht mit den vielen Hochhäusern und den breiten Straßen gerechnet, haben schon wieder den heftigen Kontrast zwischen Arm und Reich vergessen und staunen erneut über die schier unglaubliche Vielfalt der üppigen Fauna. So viele Blumen und Früchte, die wir überhaupt nicht zuordnen können. Diese Farbenpracht. Wir sind in Brasilien – einfach nur schön.

Doch es soll noch besser kommen. Fernando de Noronha – angeblich kennt jeder Brasilianer diese Insel und möchte einmal hierher zum Tauchen und schnorcheln kommen. Es ist das!! Tauchparadies!von Brasilien! ! Nur ca. 400 Besucher pro Tag werden zugelassen, längster Aufenthalt für Touristen max. eine Woche; die Insel ist teuer, insbesondere im Vergleich mit sonstigen Preisen in Brasilien. dDie Insel hat kein originäres Trinkwassersystem, dafür aber unvergleichliche Strände. Rund um die Insel ist das Meer als riesiges Naturschutzgebiet geschützt, so dass man selbst beim Schnorcheln wirklich fast überall Wasserschildkröten, Haie und vieles mehr sehen kann. Spektakulär! Wir geniessen die Zeit und sind nach kürzester Zeit „runtergefahren“. Hier könnten wir auch länger bleiben.  Es ist „einfach“ nur schön. Doch nach 6 Tagen geht es für uns weiter. Der Amazonas ruft.

Derzeit können wir jeden Tag über die unglaublichen Brände im Amazonas und der unerträglichen Arroganz der betroffenen linken sowohl rechten Machthaber lesen. Ohnmächtig müssen wir zusehen, wie hier Tag für Tag der für uns alle so lebensnotwendige Wald abgeholzt wird, damit die Agrarindustrie weiter wächst und wir alle noch mehr zu billiges Fleisch essen können. Wir sind gespannt, ob wir etwas von den Bränden mitbekommen. Hat man doch gelesen, dass der Rauch noch kilometerweit zu sehen ist.

Zur Erinnerung: Das Amazonasbecken umfasst eine Fläche von 6 Mio qkm, knapp die Hälfte befindet sich in Brasilien. Das Gebiet umfasst 17% der weltweiten Trinkwasserreserven.

Wir fliegen nach Manaus – der Hauptstadt des Amazonas, ohne überhaupt eine Vorstellung zu haben, was uns dort erwartet. 2 Mio. Einwohner, eine pulsierende Großstadt, vom Amazonas keine Spur, oder?? Hochhäuser, große Industrieviertel und viele kaputte Strassen. Am nächsten morgen werden wir mit kleinem Gepäck auf die Minute genau abgeholt und zum Rio Negro gebracht – ein „kleiner“ Seitenarm des Amazonas, der hier in Manaus das Leben bestimmt. Der Tidehub soll unglaubliche 18 Meter betragen, wir können es fast nicht glauben. Wie müssen da die Pier-Anlagen für die großen Containerschiffe aussehen. Denn alles was man hier sieht wird über den Rio Negro hergebracht.

Wir überqueren zunächst den Fluss, beobachten dabei wie das sogenannte eSchwarzwasser mit dem Weißwasser zusammenfließt (das Zusammentreffen von 2 unterschiedlich temperierten Wasserarmen) und fahren dann noch ca. 2 Stunden mit dem Auto durch dichtes Grün. Selbst unsere allwissende App „Mapsme“ hat hier keine Strassen mehr erfasst, und dennoch stehen immer wieder vereinzelt Häuser am Wegesrand. Dann gilt es nochmals umzusteigen und nach einer weiteren halben Stunde mit einem Boot sind wir endlich bei unserer Lodge. Willkommen im „richtigen“ Amazonas. Die Dolphin Lodge, direkt an einem größeren Kanal des Amazonas gelegen, ist für die nächsten 4 Tage unser Quartier.

Es ist schwer die Aktivitäten der nächsten Tage zu beschreiben, denn ein Highlight reiht sich an das Andere. Wir machen per Boot diverse Touren; immer wieder erliegen wir dem unglaublichen Zauber des Amazonas, gerade in den Morgen- oder Abendstunden, wenn sich die letzten oder ersten Sonnenstrahlen im Wasser spiegeln. Wir wandern 3 Stunden zu Fuss durch den Dschungel und sind fasziniert zu sehen, wie man sich hier im Notfall ernähren könnte und welche Kenntnisse bzgl. der Pflanzen und deren Wirkungen vorhanden sind, welches „Superfood“ hier wächst. Warum wird dieses Wissen nicht vielmehr genutzt? Baumrinden, die als Antibiotika dienen, Ameisenhäuser, in die man fasst, da deren Geruch Moskitos abwehren hilft, und und und. Wir sind fasziniert und gleichzeitig abgestoßen. Es ist so heiß und es besteht extrem hohe Luftfeuchtigkeit. Wir duschen mindestens 4mal am Tag und es hilft nichts. Unsere Haut besteht gefühlt nur noch aus Schichten von Sonnencreme und Autan, Antibrum, Sonnencreme, Autan usw. und das ganze hilft nichts. Trotz meines Imker-Anzuges (wie gut dass ich ihn dabei habe) beissen die hungrigen Moskitos in jeden Zentimeter der nicht ausreichend geschützt ist.

Wie haben wir uns den Amazonas vorgestellt? Gibt es überhaupt die Vorstellung von einem Amazonas? Zwischenzeitlich glaube ich, es gibt nicht „den“ Amazonas. Viel dieser Fläche ist undurchdringbarer Dschungel, doch was mich hier am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass der Unterschied zu Dry und Wet-Season bei 18 – 20 Meter Wasserstand liegt. Sprich wir sind hier jetzt zu Beginn der Dry-Season und der Wasserpegel ist bereits ca. 6 Meter gefallen, was man an den Farben der Baumstämme gut erkennen kann. Doch aktuell besteht noch die Möglichkeit mit den Booten durch die im Wasser stehenden Baumriesen zu gleiten und sich wie in einem Film vorzukommen. Die Landschaft insbesondere zur sogenannten goldenen Stunde leuchtet geradezu mystisch, unwirklich, grün, voller Leben- wir sehen soviel unterschiedliche Vögel, Kaimane, Affen, Faultiere, Wasserschweine, giftige Vipern (Gott sei Dank keine Anakonda) Chamäleons, riesig blaue Schmetterlinge, Delphine (rosa und graue), Leguane, Fische (u.a. Rochen, leider keinen Zitteraal).

Wie können diese Baumriesen ein halbes Jahr im Wasser überleben, wie wunderbar leuchten die blühenden Baumkronen, wie können sich all diese Tiere diesen unwirklichen Lebensumständen anpassen? Für uns ist diese Umgebung so unglaublich lebensfeindlich. Wir zollen der Natur und auch den Menschen, die dies hier als Ihre Heimat empfinden, höchsten Respekt.

Es ist Samstag und unser Guide bringt uns zunächst zu einem schwimmenden Supermarkt, wo „man“ sich trifft um gemeinsam zu trinken und danach noch zum regionalen Fussballspiel. Hier spielt jeder mit der Lust hat. Junge Mädchen im Röckchen ohne Schuhe, ältere Frauen im knappen Short mit Lippenstift und viele Männer, mal mit mal ohne Schuhe. Die Mannschaften sind leicht auszumachen – mit T-Shirt spielt gegen ohne T-Shirt. Auch Gringos dürfen mitspielen, einfach jeder der Spaß am Ballsport hat. Während des Spieles werden wir Touristen mal wieder von Moskitos zerfressen.

Die Häuser in dieser Region stehen entweder auf Anhöhen oder sind auf gefällten Baumriesen gebaut, welche im Wasser liegen und sich somit dem jeweiligen Wasserpegel anpassen können.

Bei der Nachtfahrt hören wir in der Ferne immer wieder das Brüllen der Brüllaffen, die mit ihrem lauten Geschrei ihr Revier markieren wollen. Auch ansonsten gibt es eine Kakophonie von Geräuschen, die wir nicht zuordnen können. Im Ufernäher können wir im Taschenlampenlicht die Augen der wartenden Kaimane erkennen, im Dickicht blitzt es immer wieder auf und wir erfahren, dass dies riesige Insekten sein sollen, die dort leben.

Am Montag können wir noch die regionale Schule besichtigen und den Schülern hoffentlich etwas Freude durch jede Menge Süßes bereiten. Morgens haben die Kleinen Schule, nachmittags die Klasse 5- 8 und abends per Internet – zugeschaltet nach Manaus – die höheren Klassen. Not macht erfinderisch. Es hat angeblich lange gedauert, bis man Lehrer motivieren konnte hier zu unterrichten. Zwischenzeitlich sollen die Lehrer alles Einheimische sein. Die Kinder lernen aber als aller erstes Schwimmen und dann Boot fahren. Ohne diese Fertigkeiten geht gar nichts.

Auch das Farmleben soll uns versuchsweise näher gebracht werden. Es ist bestimmt sehr anstrengend, Handarbeit, die wenigen Gerätschaften, die wir hier sehen, könnten allesamt aus einem Museum stammen. Leider sehen wir aber auch hochmoderne Pestizide, die selbst vom Kleinbauern hier eingesetzt werden. Mitreisende Brasilianer zeigen darauf und meinen, dass ihr Essen deutlich ungesunder sei, als das Essen was wir in Europa beziehen. Denn hier gibt es keine Lebensmittelkontrollen.

Die Zeit hier im Amazonas ist faszinierend, beeindruckend, weil es so ganz anders ist als zu Hause. Hier gelten andere Regeln und wir finden uns nicht wirklich zu Recht. Nur der Gedanke wir würden über Bord gehen, oder der Guide würde uns im Dickicht aussetzen – ein Graus! Wir wären absolut hilflos. Hier gibt es kein Internet, hier hilft Google nicht und auch sonst ist unser „Wissen“ wenig wert.

Achja, und dann waren wir noch fischen: nach Piranhas. Eigentlich wollte ich daran gar nicht teilnehmen, denn „Fish are friends, no food“. Wir bekommen jeder einen längeren Stock mit einer Leine plus Haken an dem ein kleines Stück Fleisch als Köder befestigt wird. Kaum haben wir die Stange ins Wasser gesenkt, kann man einen Ruck spüren und die kleinen Biester sind zur Stelle. In einer unglaublichen Geschwindigkeit fressen sie das Fleisch vom Köder, ohne dem Haken zu nah zu kommen. Unser Guide zeigt uns die Narben, die er an den Händen trägt von den Bisspuren der Piranhas. Das hier ist definitiv kein Spiel. Wenn du hier über Bord gehst, bleibt nicht allzu viel von dir übrig, denn die Jungs sind eindeutig hungrig. Dennoch, ab und zu gelingt es uns einen kleinen Piranhas zu angeln (es soll hier über 30 Arten geben) und der Guide zeigt uns das wirklich beeindruckende Gebiss.

An einem Tag sehen wir eine kleine Viper, die angeblich sehr giftig ist. Was macht man, wenn man gebissen wird ? Durchhalten ! Es dauert ca. 6 Stunden bis man in Manaus im nächsten Krankenhaus ist und Institutionen wie die Flying Doctors gibt es hier leider nicht.

Zum Schluß fragen wir unseren Guide noch, was er von den Bränden hält. Seine Antwort ist sehr klar. Wenn ein Bauer seine kleine Parzelle brandrodet, ist das ein ganz normaler Prozess, den es überall auf der Welt gibt. Doch hier sind Großkonzerne am Werk, die riesige Flächen zunächst abholzen und dann abbrennen. Auf dieses Vorgehen ist hier niemand gut zu sprechen.

Ansonsten noch ein Halbsatz zu der Arbeitslosigkeit. Viele Alternativen haben die Menschen hier wirklich nicht. Die Frauen sind noch immer in Ihren klassischen Rollen gefangen und den Männern bleiben nicht viele Alternativen. Unser Guide hat 3 Söhne und meint, dass sich diese alle wohl außerhalb des Amazonas einen Job suchen werden.

Nach 4 Tagen dürfen wir auf den gleichen beschwerlichen Weg wieder zurück in die Zivilisation, wie wir hergekommen sind. Wir sind sehr froh, dass wir im Amazonas waren und können die Lodge auch wirklich weiter empfehlen – aber es fühlt sich so unglaublich gut an, wieder im klimatisierten Hotel zu sein und zu wissen, dass der für uns doch so lebensfeindliche Regenwald weit weg ist.

Sorry, für den langen Text. Ich gelobe Besserung. Doch diese Woche war wirklich „breathtaking“.

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