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Teil 31: Bolivien zweimal und nie wieder?; ein Land im Rausch; warum 6 Unterröcke tragen?

Nachdem wir das Pantanal verlassen, möchte ich eigentlich nur noch nach Hause. Ich habe so viele, so tolle, so positive Impressionen gesammelt, dass ich noch lange brauchen werde, diese richtig zu verarbeiten…und ich bin urlaubsreif. Aber es geht weiter. Wir fahren Richtung Bolivien.P1140144

Schon am Grenzübergang wird einem klar, dass wir uns von den Annehmlichkeiten Brasiliens verabschieden müssen. Es scheint, als wenn wir in ein anderes Jahrhundert reisen würden. Nachdem wir nur mit Mühe, die nicht ausgeschilderte bolivianische Grenzstelle finden, erhalten Hector und wir eine Aufenthaltsgenehmigung von 30 Tagen. Das ist nicht wirklich viel, aber es sollte reichen das Land einmal in Ruhe zu durchqueren.o

Wir fahren auf ungeteerter Strasse durch das bolivianische Pantanal, immer entlang der brasilianischen Grenze, bis wir zu der größten Wirtschaftsmetropole Boliviens kommen – der Stadt Santa Cruz.

Auf dem Weg dahin werden wir wirklich nervig oft von der Polizei und/oder Militär kontrolliert. IP1140145mmer wieder gibt es irgendwelche Stempel und Fragen, die wir mit der Gegenfrage – do you speak English- beantworten. Es sind alles junge Männer, die natürlich kein Wort Englisch können und einen in der Regel dann weiterfahren lassen. Einen ganz besonderen Beamten können wir erst abschütteln nachdem wir ihm unsere Wasserflasche gegeben haben. Wir schütteln den Kopf und fahren weiter.

Ansonsten sind wir schockiert! Rechts und links der ungeteerten Strasse können wir beobachten, wie brutal mit schwerem Gerät der Natur der Garaus gemacht wird. Bäume werden gefällt, zusammen geschoben und verbrannt. Was wir diesbezüglich in Brasilien beobachtet haben, scheint ein Witz dagegen zu sein. Was die Brasilianer bereits vor Jahren perfektioniert haben, nämlich riesige Weideflächen zu Lasten der Natur anzulegen, wird hier im großen Stil nachgemacht. Tiere sehen wir in dieser doch eigentlich so artenreichen Gegend kaum. Die Behausungen am Wegesrand verdienen nicht den Namen.

In einer Mittagspause sitzen wir mit einem argentinischen Rinderzüchter zusammen, der gerade seine bolivianischen Güter besucht und uns die Zusammenhänge aus seiner Sicht erklärt. Evo Morales -der Präsident von Bolivien- hat einen Vertrag mit China bzgl. Fleischquoten getroffen. Woraufhin die Chinesen umfangreich in Boliviens Strassen und Schlachthäuser investierten. Dummerweise kann mit der bestehenden Weidefläche die zugesagte Quote nicht erfüllt werden. Also hat der liebe Evo bereits vor einigen Monaten das Dekret erlassen, dass jeder Bolivianer 20 ha abbrennen darf – möglichst um dann auf diesem Boden Viehzucht zu betreiben. Umweltschutz ist hier völlig nebensächlich.

Aus Gesprächen mit Deutschen, die zum Teil schon seit Jahren in Bolivien leben, hören wir, dass im Rahmen der am 20.10. anstehenden Wahlen mit Unruhen zu rechnen ist. Wir sind verunsichert und fahren weiter in die Berge Richtung Peru, nunmehr mit dem Ziel, Bolivien kurzfristig den Rücken zu kehren. Immer noch überall Müll. IMG_9092Es scheint keinerlei Müllentsorgungsystem zu geben, ausser vielleicht dem System, den Dreck vor der Haustür zu verbrennen.

Die Backen der meisten Herren sind dick gepolstert. Wir kommen in die Coca-Region. Hier wird fast jede mögliche Anbaufläche dazu genutzt, die Cocapflanze anzubauen. Die Blätter, aus denen man das beste Kokain herstellen kann. Mann kauft die Blätter in kleinen Tüten, haut sie mit einem Hammer klein und steckt sich die Blätter dann in die Mundhöhle. Es soll das Hungergefühl reduzieren und körperlich schwere Arbeit besser aushaltbar machen.

Hier in der Höhe um Cochabamba fällt man als Mann eher auf, wenn man nicht eine dicke Backe hat. Uwe probiert das auch aus. Es schmeckt einfach nur jämmerlich grün/bitter. Hunger hat er auch noch. Aber er hat auch nicht den Beschleuniger, eine gummiartige, zuckrige Masse, hinzugefügt! Dennoch, hier in Bolivien ist der Anbau, Verkauf und Konsum von Coca völlig legal. Aus unserer Sicht hilft es wohl vielen Menschen, das arme, karge und oft körperlich sehr anstrengende Leben auszuhalten. Es hilft aber auch dabei, die Bevölkerung ruhig zu halten.

Rund um die Umgebung von Cochabamba tragen die Frauen immer öfter traditionelle Gewänder und haben Ihre Haare unter den allgegenwärtigen Hüten zu 2 langen Zöpfen gebunden. Hosen scheinen verpönt zu sein. Man trägt Röcke und zwar nicht einen engen Rock, sondern bis zu 5 Unterröcke und darüber einen Überrock. Die Körpermitte wird möglichst voluminös und breit dargestellt.  Wir können uns nicht sattsehen. Überhaupt scheint hier ein anderes Schönheitsideal zu gelten. Durch das viele nahrhafte, oft maishaltige Essen sind die Frauen zumindest füllig, wenn nicht dick.img_9515

Auf unserem Weg nach La Paz kommen wir auf 4.500 Meter Höhe an einem „Marktplatz“ vorbei und wollen uns von den Farben, Gerüchen und Menschen verzaubern lassen. Aber Pustekuchen. Überall in Südamerika sind uns die Menschen wirklich freundlich und offen begegnet. Aber seit dem wir im Hochland von Bolivien unterwegs sind, erfahren wir immer häufiger offene Ablehnung. Die Blicke sind stest skeptisch, wenn nicht unfreundlich. Kinder werden vor uns versteckt, man verkauft uns Ware nur mit offenem Widerwillen. Wir fühlen uns nicht wirklich wohl. Man will uns hier auf dem Markt definitiv nicht dabei haben.

Die Tour durch Bolivien ist lang und irgendwann müssen auch wir tanken. Tanken ist grundsätzlich ein Problem, man denke nur an die vielen Kleinst-Tankstellen, in denen man das Benzin in Colaflaschen oder Kanister erhält. IMG_9091Es gibt aber noch ein weiteres Problem; da das Benzin stark subventioniert ist und diese Subventionen natürlich nicht den Ausländern zugute kommen sollen, gibt es 2 Preise. Wir sollen das doppelte der einheimischen Preise zahlen. Tankstellenbesitzer scheuen jedoch gerne den zusätzlichen Aufwand und verweigern Ausländern den Verkauf. Zudem wird Benzin üblicher Weise in Kanister und nicht in den Tank abgefüllt. Mit etwas Glück erhalten wir den Treibstoff, aber nur weil wir die magischen Worte „sin Faktura“- ohne Rechnung kennen. Schon läuft es- ein dickes Trinkgeld darauf und schon sind alle zufrieden.

Wir fahren weiter nach La Paz, der irren Hauptstadt von Bolivien mit ca. 1 Mio. Einwohner.  Die Lage ist absolut bemerkenswert. Die ersten Ausläufer der Stadt sehen wir bereits auf der Hochebene ( 4.000 Meter Höhe,)  auf der wir seit einiger Zeit umherfahren. Das Zentrum von La Paz liegt jedoch in der Tiefe, auf einer Höhe von ca. 3.000 Meter. Kessellage. Das die Strassen steil sind, wäre untertrieben. Hector ächzt und schnauft, bringt uns aber sicher auf den von uns gewählten Schlafplatz. Wir stehen auf 3.200 Meter auf einem Parkplatz eines Schweizer Hotels. Sehr angenehm- Heisse Duschen, lecker Cappuccino- wir sind sehr zufrieden und buchen für den nächsten Tag eine Tour mit einem deutschen Guide, der seit Jahren in La Paz wohnt. Auch unsere Freunde Thomas und Christin sind in der Stadt und schließen sich kurzfristig unserer Tour an.

Haben andere Städte Stadtbahnen, verfügt La Paz über ein gut ausgebautes Seilbahnnetz, P1140430welches wir zu unserer Freude ausgiebig nutzen. Zunächst fahren wir hinauf zur Hochebene, zu der Stadt El Alto, früher ein Stadtteil von La Paz, zwischenzeitlich aber eigenständig mit ebenfalls gut 1 Mio. Einwohner. Von hier oben hat man einen wunderbaren Überblick auf die umliegenden schneebedeckten Berge und natürlich der in der Tiefe liegenden Stadt La Paz.

Es ist Markt in El Alto und es gibt eigentlich nichts, was es hier nicht zu kaufen gibt. Aber das skurrilste ist wohl der Hexenmarkt. Hier bieten nicht nur Schamane ihre Dienste an. Nein, man kann auch alles kaufen, was ein Schamane für seine Sitzung benötigt.  U.a. werden hier Lama-Föten in unterschiedlichen Entwicklungsstadien verkauft. Obwohl Bolivien mehrheitlich katholisch ist , werden heute noch immer bei einem Hausbau Lama-Föten verbrannt und in die Grundmauern eingearbeitet. Es soll Glück bringen. Das dies nicht wirklich hilft, sehen wir direkt vor Ort. Kein Lama kann helfen, wenn man Häuser auf unbefestigte Müllhalden baut. Erst vor kurzem sind 10 Häuser mitten in La Paz abgerutscht.

Ob es keine Baugenehmigung für weitere Kläranlagen gibt, wissen wir nicht. Nur folgendes- alle Abwässer, wirklich alle Abwässer (einschließlich der Abwässer der umliegenden Industrie) der Stadt La Paz werden in den sich durch die Stadtmitte mäandernden, stinkenden Fluss geleitet, welcher dann in eine einzige Kläranlage führt.

Die Abwässer von El Alto werden bis heute völlig ungeklärt in den Titicacasee eingeleitet. Das hier kaum noch Fische zu fangen sind, kein Wunder. Der See macht seinen Namen Ehre.

Leider macht uns die Höhe deutlich zu schaffen. Ich muss nach der Hälfte des Tages unserer Stadttour abbrechen. Alle Zeichen stehen auf Rot. Die Höhenkrankheit hat mich mal wieder erwischt und ich komme am nächsten Tag in den Genuss von reinem Sauerstoff. Wir entscheiden uns dazu unsere Route mal wieder abzuändern und brechen auf Richtung Peru.

Wir haben uns hier in Bolivien nicht unsicher gefühlt, aber auch nicht willkommen. Vielleicht tun wir vielen Menschen Unrecht, aber wir haben das Land und deren Menschen wie folgt erlebt: gefangen in alten Traditionen; im Rausch; Umweltschutz und Klimaschutz ignorierend oder verleugnend; abweisend Neuem und Fremden gegenüber; verstrickt in Korruption und Vetternwirtschaft; hoffnungslos, perspektivlos, arbeitslos, arm, ruhig gestellt durch Drogen.

Wohnend unter einfachsten Bedingungen, ohne jegliche technische Hilfsmittel, zum Teil sogar ohne Strom. Frauen schwer arbeitend, mit Kindern, die nicht nur zur Schule gehen/ können. Schulbusse? nur vereinzelt vorhanden. Natürlich gibt es sicherlich ganz, ganz viele positive Ausnahmen und wir wünschen dem Land und insbesondere deren Menschen eine sehr, sehr positive Entwicklung, aber wir sind froh, dass wir weiterfahren können. All diese Eindrücke haben uns doch belastet.

Und zum Schluß noch etwas zum Lachen. Im Hochland ist es überraschend kalt. Wir, die wir aus dem glühenden Pantanal kommen, sind Temperaturen unter 10 Grad gar nicht mehr gewöhnt. Wir schließen alle Fenster und gehen schlafen. Am nächsten Morgen leiden wir beide unter Kopfschmerzen. Ein warmer Tee wäre nett. Doch wir können unser Gas nicht anzünden. Weder das Feuerzeug, noch die Streichhölzer wollen angehen. Was ist nur passiert. Uwe schaut mich entsetzt an, öffnet das Fenster und siehe da, alles funktioniert wieder, wenn denn genug Sauerstoff im Raum ist.  Nie wieder werden wir alle Fenster schließen, egal wie kalt es ist.P1140137

2 replies to “Teil 31: Bolivien zweimal und nie wieder?; ein Land im Rausch; warum 6 Unterröcke tragen?

  1. Hallo Andrea. Dein Tagebuch ist wahnsinnig inspirierend und unterhaltsam. Mit Schrecken lese ich Deine letzten Zeilen: ACHTUNG – Ihr seid gerade so einer tödlichen CO-Vergiftung entkommen! Lüften ist Pflicht und bei der nächsten Zivilisation schaut Ihr Euch nach einem Kohlenmonoxid (CO)-Warner um. Das Gas ist geruchlos und tödlich und entsteht bei unvollständiger Verbrennung (Gaskühlschrank, Heizung etc.). Passt auf Euch auf, ich würde gerne weitere tolle Berichte lesen! (;-) LG Kay Henkel

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